Gaetano Fiore. 20.02.2015 - 19.04.2015 | Museum am Dom Würzburg


Über die Ausstellung

Begleitprogramm und Information

Stimmen in Farbe, Stimmen, die reines Licht verströmen und Durchgänge aufbrechen, Stimmen, die Fenster aufreißen und erstickende Flammen nähren. Stimmen, die mit Farbe eine Zeit in der Zeit markieren und die – wie Lichtungen im Dickicht des Waldes – heitere Töne flüstern. So wie ein Lichtschein im Wald dem müden Pilger, der sich nach Rast und Bleibe sehnt, ein nahes Ziel verheißt.

Es ist eine Vision wie aus Träumen, von atmosphärischer Zartheit und zeichenhafter, fast mirakulöser Reduktion, die der italienische Künstler Gaetano Fiore ins Bild setzt – Bilder von Bäumen, Büschen, Kreuzen, Altären, Domen und Tempeln. Fast wie in der Art der atemberauben Bühnenutopien eines Gordon Craig erschafft er Elemente von natürlicher Unverfälschtheit, die er mittels Farbe und Form poetisch überhöht. Dieses malerische Tun, das auf deutschem Boden seinen Ursprung nahm, und dessen Bezugspunkte für einige Arbeiten das räumliche Verständnis im Sinne eines Mark Rothko und für andere die weichen, lebhaft flackernden Lichtscheine in den Landschaften von Ennio Morlotti sind, wird in eine synästhetische Sprache überführt. So entwickelt sich aus zwei sich kreuzenden Monologen ein weittragender Dialog zwischen Malerei und Literatur.

Daraus folgt die ästhetische Notwendigkeit, das Geheimnis der Dinge zu ergründen, zu warten, dass sich im kreativen Prozess etwas offenbart oder geschieht, um schließlich die anfängliche ängstliche Befangenheit vor der beinahe hypnotischen Reinheit eines weißen Blatt Papiers oder einer noch unberührten Leinwand zu verlieren. Es braucht den forschen Mut, die Herausforderung des Fortschreitens anzunehmen, die eigene Handschrift einzubringen, die Ausdruck findet im geschriebenen Wort oder im Duktus des Pinselstrichs. Eine Malerei, die – völlig unerschrocken vor satten und vibrierenden Farben – Spuren legt auf einem Himmelsgrund, mit Öffnungen, die Assoziationen an ferne Welten erwecken. Bäume, die nicht nur im Wasser wachsen, sondern einen Bogengang entstehen lassen, einen übergang darstellen, ein anderes Leben versprechen. Bäume, die sich in Gefäße der Erinnerung verwandeln und quasi zu Destillierkolben werden, wo auf wunderbare Weise etwas vom Stein der Weisen seinen Niederschlag findet.

Paolo Puppa interpretiert das so: „Doch es sind die Bäume, die dich anziehen, Bäume, die du in dir trägst, einem jugendlichen Idyll nach Segantini oder Previati nachfolgend, jedoch ohne den Dekor des beginnenden Wiener Jugendstils. Handelt es sich um mediterrane Pinien, diedu von deiner wunderbaren Heimat her kennst? Dein Freund, der Baum, erwacht jedes Frühjahr neu und wird wiedergeboren, im Gegensatz zu unserem armseligen Körper, der im grausamsten Monat, dem April (woran T. S. Eliot erinnert), Erinnerungen und Wünsche vermischt, wenn es bereits zu spät ist und das Fleisch nicht mehr reagiert. Deine baumartigen Kandelaber erheben ihre Arme in einer freudigen Hymne der Hoffnung. Es reicht, ihnen zuzuhören, anstatt sich von ihrer Kraft blenden zu lassen.“

Neben einem Bereich mit grafischen Arbeiten und Ölbildern zum Thema „Baum“ präsentiert der Kern der Ausstellung „Stimmen in Farbe“ einen Zyklus von Arbeiten unterschiedlicher Dimensionen, die auf die gründliche und mehrfache Lektüre von Rainer Maria Rilkes Stundenbuch rekurrieren. Andrea Petrai, der sich lange schon mit Gaetano Fiore über ästhetische Reflexionen zur Malerei und zur Literatur austauscht, schreibt in seiner Einleitung zur Ausstellung: „Das Sich-Versenken im „Stundenbuch“ führt den Künstler dazu, den lyrischen Text auch in seinen verborgeneren Furchen kennen zu lernen, mit ihm zu interagieren, ihn zu metabolisieren, bis man seinen vielfältigen Zauber spürt. Daraus entspringt eine persönliche Interpretation, die den Geist der Quelle bewahrt, ohne jedoch Beschreibungen oder Paraphrasen zu verwenden,sondern indem der Maler ihre Klangwirkung durch seine Farbmischungen erweitert und bereichert. Aus dem umfangreichen literarischen Werk Rainer Maria Rilkes bevorzugt Gaetano Fiore das Stundenbuch, denn es ist ein passendes poetisches Beispiel dafür, wie es einer überlegten Inspiration gelingt, Spontanität mit Programmatik zu modulieren. Eine Art Gleichklang mit dem ästhetischen Maßstab der Malerei, in der Form und Inhalt harmonisieren, wie Stimmen, die zu einem Gesang verschmelzen, als wäre die eine die natürliche Extension der anderen. Man könnte sagen, dass die Strenge der Komposition einerseits die Autonomie des Schöpfens versiegelt und sie andererseits mit dem Drang des Tuns im romantischen Sinne potenziert. Dem Inhalt eine Gestalt zu geben und der Form eine weitere Plastizität zu verleihen, wird daher zur Voraussetzung, um einen unvergänglichen Kontakt mit dem geschriebenen Wort herzustellen und es wie einen wertvollen Edelstein einzufassen. Dieselbe Architektur des Stundenbuchs in drei Büchern, die zugleich als konkrete und seelische Ortschaften gelten, in denen Körperlichkeit und Abstraktion ineinander fließen, von innen nach außen und umgekehrt, materialisiert die instinktive Idee, die Kunstinstallation wie in drei idealen Kirchenschiffen zu strukturieren und zwar an den drei Wänden des Hauptausstellungsraums im Museum am Dom in Würzburg. Wie in einem Schrein empfängt und behütet dieser Raum die Ikonen und Polypticha, je einem der drei Bestandteile von Rilkes Werk gewidmet. Die Serie „Ikonen“, die sich auf das erste Buch „Vom mönchischen Leben” bezieht, hängt an der Zentralwand. Von den siebenundsechzig Gedichten inspiriert, realisiert Fiore ebensoviele Gemälde in einem kleinen Format, deren Sequenz sich wie ein pulsierendes Histogramm auf großem Raum erstreckt.

Jede Ikone entsteht gerade aus der emotionalen Lektüre eines Wortes, eines Reims, manchmal eines ganzen Verses. Der Unmittelbarkeit des Eindrucks, der geweckt wird, folgt dann eine gewissenhafte Studie, die das Gelesene enthält und gleichzeitig in einer kombinierten Intensität von Form und Farbe zusammenfasst. Die ganze Sektion „Das letzte Haus“, das aus dem „Triptychon der Stunden“ – Hommage an den Jazzmusiker Bill Dixon - und aus der Serie der „Gobelins“ besteht, entspricht dem „Buch von der Pilgerschaft”, dem zweiten Kapitel des Stundenbuchs. Hier dehnt sich die Ikone in Portale und Glasfenster auf Leinwand aus. Fiores malerische Forschung ist nun weniger philologisch ausgerichtet, sondern geht – mit auserlesener Eleganz – alternative Sinnesmöglichkeiten in der Abstraktion erkunden. Im „Polyptichon des Grals“, dem dritten und letzten Teil „Von der Armut und vom Tode“ gewidmet, deutet die Absolutheit der Farbe auf die stille Epiphanie einer reif gewordenen Zeit hin, die sich in der berückenden Anmut einer mittelalterlichen Maestà-Darstellung zelebriert. Hier erhebt sich ein Altar, auf dem die leere Fülle eines Kelches, der aus den Wellen einer Landschaft – sei es Ebene oder Meer – hervortritt und sich mit Feierlichkeit in der Grenzenlosigkeit abzeichnet. Eine eindeutige Metapher des Erntens und Ausstreuens, des Empfangens und Hingebens und außerdem Frucht einer sehr persönlichen Transzendenz und einer dankbaren Religiosität. Nur jetzt scheint jene Grenzüberschreitung zwischen Himmel und Erde wirklich möglich, hin zu Anfang und Ende und jenseits von Leben und Tod. Das hatte Jürgen Lenssen schon 2008 in seinem erhellenden Essay „Der Baum und das Viereck“ im Hinblick auf das malerische Schaffen Fiores intuitiv erahnt und vorhergesagt.“

Der Künstler sagt heute über sich selbst: „meine Welt ist die Malerei, die sich zwischen Tun und Warten manifestiert: die Vorbereitung der Farben, das Aufbringen auf die Leinwand, um dann wie bei den blauen Pigmenten zu sehen, wie sie sich zurückziehen und in räumlichen Dimensionen aufgehen. Es ist für mich eine unerklärliche Emotion, die unsichtbare Saiten zum Klingen bringt. Eine Malerei, die das Erlebte widerspiegelt. “In seiner Kunst verarbeitet der neapolitanische Maler all die Einflüsse und Erfahrungen, die er der wunderbaren Region seiner Herkunft verdankt, der energiegeladenen Magie des Vesuv oder dem geheimnisvollen Zauber Pompejis. Er reflektiert aber auch die Sehnsucht nach zarten Landschaften, wie sie der Landschaftsmaler Tauber dargestellt hat, oder nach den geheimnisumwitterten Wäldern Süddeutschlands, die ihm Uta Rieger, die Mutter seiner Ehefrau Elisabetta, gezeigt und lieben gelehrt hat. Die „ansteigenden Stimmen der Zeit“ finden ihren Widerhall in den Arbeiten Gaetano Fiores, so wie in einem Flussbett längst versteinerte Muscheln zu Tage gefördert werden, und sie steigen auf aus der angestammten Tiefe, wie Luftblasen, die der Oberfläche zustreben.
Elisabetta Vitiello, Andrea Petrai

Begleitprogramm

über die Ausstellung

Freitag 20.02. Ausstellungseröffnung

Mittwoch 25.02. | 14 Uhr Führung für Senioren

Sonntag 01.03. | 15 Uhr Führung

Donnerstag 05.03. | 19:30 UhrFührung mit Domkapitular Dr. Jürgen Lenssen

Samstag 14.03. | 15 UhrFührung für Kinder ab 6 Jahren

Sonntag 15.03. | 15 Uhr Führung

Sonntag 29.03. | 15 Uhr Führung

Sonntag 19.04. | 15 Uhr Führung

Öffnungszeiten

Dienstag bis Sonntag
10.00 - 17.00 Uhr, ab 1. April 10.00 - 18.00 Uhr
Montags geschlossen

Preise

Eintritt € 3,50
ermäßigt € 2,50 (auch bei Vorlage eines DB-Fahrscheins)
Veranstaltungen € 2,00 zzgl. Eintritt

Kombikarte € 4,50 (Museum am Dom und Domschatz)
ermäßigt € 3,50
Verbundkarte € 7,50 (Domschatz, Museum am Dom, Museum im Kulturspeicher und Mainfränkisches Museum)

Führungen

Die Teilnahme an den Führungen kostet zusätzlich zum Eintritt € 2,00, die Führungen für Kinder kosten pauschal € 3,00.

Gruppenführungen € 60,00 (zzgl. Eintritt)

Lage

Das Museum am Dom befindet sich direkt neben dem Kiliansdom. Es ist vom Hauptbahnhof aus mit den Straßenbahnlinien 1,3 und 5 (Haltestelle „Dom“) oder zu Fuß in ca. 15 Minuten zu erreichen.
Parkmöglichkeiten bestehen am Paradeplatz hinter dem Dom oder auf dem Parkplatz vor der Residenz.

Informationen und Buchung von Gruppenführungen

Museum am Dom
Kiliansplatz 1
97070 Würzburg
Telefon 0931-386 65 600
Telefax 0931-386 65 609
www.museum-am-dom.de
museen@bistum-wuerzburg.de